Satellit # 6 „ZURÜCKBLEIBEN!“


finnfemfel: Albert Braun, Marcus Lerviks, Oskar Lindström / Gast: Mika Hannula


Eröffnung am Freitag, den 12. Januar 2018 von 19 – 22 Uhr


13. Januar 2018 – 10. Februar 2018

 

 

Die Ansage „Zurückbleiben!“ irritiert.

Besonders für ausländische Berlin-Besucher ist sie unverständlich und gerade deshalb einprägsam. Für Muttersprachler hat das Wort „zurückbleiben“ eine eindeutig negative Konnotation – man bleibt zurück, die anderen fahren, oder man wird zurückgelassen, kann nicht mithalten, ist überflüssig, zurückgeblieben?
Umso merkwürdiger, dass man zu so einer passiven Tätigkeit aufgefordert wird, früher von den Zugabfertigern live und recht barsch, heute mit einer neutral bis sexy klingenden entschärften Stimme vom Band und dem Zusatz „Bitte“.
 
Die S-Bahn Berlin reagiert damit nach eigener Aussage auch auf „eine zunehmende Risikobereitschaft, „um jeden Preis“ den bereits abgefertigten Zug noch zu erreichen.“
Die rot aufleuchtende Lampen über den Türen und der berühmte S-Bahn-Dreiklang allein reichen da wohl nicht. Geht es vielleicht gar nicht um Fakten, nicht darum einzusteigen, nicht darum, dass sich Türen schließen, sondern um das Zurückbleiben als Handlung, als Haltung,

als Gefühl?

Über diese kurze Ansage kann man viel nachdenken. Über Sozialdarwinismus, das Scheitern an der großen Stadt (oder der großen Stadt selbst), preußischen Gehorsam, Globalität und Lokalität, Beförderungsbedingungen...
Das organisierte Chaos in dieser Ansage ist Teil des Berlin-Gefühls, es bietet den lebensnotwendigen Spielraum für Ambivalenzen, der durch das destruktive Chaos des politischen Populismus immer kleiner zu werden droht.
 
In Hamburg wurde die Ansage 2014 abgeschafft, Berlin behält sie bei.
Wahrscheinlich gerade weil sie so schön uneindeutig ist wie die Stadt selbst.
 
Für diese Austellung hat Axel Obiger die finnische Künstlergruppe finnfemfel eingeladen.
finnfemfel versteht sich als eine Plattform für die Zusammenarbeit der Mitglieder und eingeladener Gäste an gemeinsamen Projekten, oft über große geografische Entfernungen hinweg. Ideen werden kooperativ entwickelt, organisiert und realisiert; daher sind die Ergebnisse nicht als individueller Ausdruck zu sehen.
Die Projekte sind entweder Simulationen oder basieren auf erzählerischen Aspekten, aber sie enthalten immer groteske, fiktive, dokumentarische und humorvolle bis komische Elemente.
Unterschiede, die aus der jeweiligen künstlerischen Praxis und der geographischen Verortung der Mitglieder herrühren, bereichern als positive Faktoren die Projekte von finnfemfel.

Maja Rohwetter, 2018

 

 

 

The announcement “Zurückbleiben!” (Stay back!) is irritating. Especially for foreigner visiting Berlin, it is incomprehensible and therefore catchy. For native speakers, the word “zurückbleiben” has a clearly negative connotation – you stay behind, others go, or you’re left behind, can not keep up, you’re superfluous, retarded?

It is very strange that you are ordered to such a passive activity, earlier live and very harsh by a supervisor, today by a neutral and sexy-sounding defused recording and with the addition “Please”.

By their own statement, the S-bahn in Berlin try to prevent the commuters “increasing willingness to take risks” at any price “to catch already departing trains.” The red flashing lights over the doors and the famous S-bahn sound-triad alone are surely not enough. Perhaps it’s not all about the facts, not about getting involved, not about the closing doors, but about being left behind as an action, an approach, a feeling?

 

This announcement give you many things to contemplate about. About social Darwinism, the failure of the big city (or the big city itself), Prussian obedience, global and local, transport conditions… The organized chaos in this announcement is part of the Berlin feeling, it provides the vital space for ambivalences that threatens to become smaller and smaller through the destructive chaos of political populism.

In Hamburg, the announcement was abolished in 2014, Berlin keeps them.
Probably because it is as ambiguous as the city itself.

(A free translation of Maja Rohwetters text for Axel Obiger)