Satellit # 7 „Galerie des Westens“  Offene Systeme

mit Marikke Heinz-Hoek, Gabriele Künne, Erika Plamann,
Cordula Prieser und Maja Rohwetter
 
Eröffnung am Freitag, den 16. Februar 2018 von 19 – 22 Uhr

17. Februar 2018 – 10. März 2018

Ein dampfender Kochtopf, ein gefrorener Fisch in der Sonne…ursprünglich aus der Thermo-dynamik stammend, wird ein System als offen bezeichnet, wenn an seinen Schnittstellen hin- sichtlich einer seiner Kategorien ein Austausch stattfindet, dessen Energiebilanz ungleich null ist.
In der Informationstechnik wiederum versteht man unter einem offenen System eine Systemum-gebung, die durch offene Schnittstellen Interoperabilität, Portabilität und Erweiterbarkeit sichert.
Diese Ausstellung öffnet eine Schnittstelle für den Austausch zwischen den Systemen „GaDeWe (Galerie des Westens) Bremen“ und „Axel Obiger Berlin“.
Interoperabilität, also die Fähigkeit zur Zusammenarbeit von Systemen, kann durch gemeinsame Standards gesichert werden. Interoperabilität kann aber auch die Fähigkeit unabhängiger heterogener Systeme sein, möglichst nahtlos zusammenzuarbeiten ohne vorherige Absprachen.
Dabei muss sich Interoperabilität nicht auf Informationsaustausch beschränken, sondern kann auch auf konzeptueller oder semantischer Ebene ansetzen.


In diesem Sinne zeigt die aktuelle Ausstellung die Interoperabiltät der zwei Systeme „GaDeWe"  Bremen und „Axel Obiger" Berlin, die strukturell sehr unterschiedlich funktionieren, sowie der jeweiligen künstlerischen Systeme der ausstellenden Künstlerinnen Marikke Heinz-Hoek, Cordula Prieser und Erika Plamann aus Bremen und Gabriele Künne und Maja Rohwetter aus Berlin. Alle verfolgen innerhalb ihrer eigenen sehr heterogenen Systeme eine Offenheit und Durchlässigkeit hinsichtlich der Kategorien, in denen die jeweilige künstlerische Arbeit sich bewegt. Absichtlich werden Erwartungen an ein Genre oder ein Material in Frage gestellt, um das System für Unerwartetes zu öffnen.

Marikke Heinz-Hoek legt in ihrer Videoarbeit durch die verändernde Wirkung der Erinnerung autobiografische Erinnerungsräume frei.

Cordula Prieser nutzt Teile von Alltagsmöbeln und grundlegende textile Techniken wie das Stricken zur Flächenerzeugung für die formale, inhaltliche und räumliche Erweiterung ihrer Skulpturen.

Erika Plamann arbeitet mit der Transformation von festgelegten Klischeefiguren aus Rollen eines gängigen Kitschbegriffs in keramische Figurationen an der Grenze zur Abstraktion.
Gabriele Künne wählt für ihre keramischen Plastiken statt traditionellem Modellieren das Falten und Bearbeiten glatt ausgerollter Flächen, die beinahe industriell wirken. Die einseitige Glasur suggeriert eine Innen-und Außenseite; die Formensprache hinterfragt die keramische Form als Hohlkörper. In den Collagen von Maja Rohwetter verbinden sich bekannte und unbekannte Formen auf unterschiedlichen Ebenen malerischer und digitaler Repräsentation. In den entstehenden Bildräumen gerät der Realtitätsbegriff ins Schlingern.


Wir sind gespannt, welche Transfers von Wahrnehmung und Bedeutung zwischen den Exponaten entstehen und welche Erkenntnisse sich auch hinsichtlich der beiden Systeme GaDeWe und Axel Obiger ergeben.


Seit 27.1. bis 2.3. ist in Bremen die Kooperationsausstellung „Leerende Gähne“ mit den Axel Obiger- Künstlern Harriet Groß, Thilo Droste und Matthias Moravek und dem GaDeWe- Künstler Michael Wendt zu sehen

 

Satellit # 6 „ZURÜCKBLEIBEN!“


finnfemfel: Albert Braun, Marcus Lerviks, Oskar Lindström / Gast: Mika Hannula


Eröffnung am Freitag, den 12. Januar 2018 von 19 – 22 Uhr


13. Januar 2018 – 10. Februar 2018

 

 

Die Ansage „Zurückbleiben!“ irritiert.

Besonders für ausländische Berlin-Besucher ist sie unverständlich und gerade deshalb einprägsam. Für Muttersprachler hat das Wort „zurückbleiben“ eine eindeutig negative Konnotation – man bleibt zurück, die anderen fahren, oder man wird zurückgelassen, kann nicht mithalten, ist überflüssig, zurückgeblieben?
Umso merkwürdiger, dass man zu so einer passiven Tätigkeit aufgefordert wird, früher von den Zugabfertigern live und recht barsch, heute mit einer neutral bis sexy klingenden entschärften Stimme vom Band und dem Zusatz „Bitte“.
 
Die S-Bahn Berlin reagiert damit nach eigener Aussage auch auf „eine zunehmende Risikobereitschaft, „um jeden Preis“ den bereits abgefertigten Zug noch zu erreichen.“
Die rot aufleuchtende Lampen über den Türen und der berühmte S-Bahn-Dreiklang allein reichen da wohl nicht. Geht es vielleicht gar nicht um Fakten, nicht darum einzusteigen, nicht darum, dass sich Türen schließen, sondern um das Zurückbleiben als Handlung, als Haltung,

als Gefühl?

Über diese kurze Ansage kann man viel nachdenken. Über Sozialdarwinismus, das Scheitern an der großen Stadt (oder der großen Stadt selbst), preußischen Gehorsam, Globalität und Lokalität, Beförderungsbedingungen...
Das organisierte Chaos in dieser Ansage ist Teil des Berlin-Gefühls, es bietet den lebensnotwendigen Spielraum für Ambivalenzen, der durch das destruktive Chaos des politischen Populismus immer kleiner zu werden droht.
 
In Hamburg wurde die Ansage 2014 abgeschafft, Berlin behält sie bei.
Wahrscheinlich gerade weil sie so schön uneindeutig ist wie die Stadt selbst.
 
Für diese Austellung hat Axel Obiger die finnische Künstlergruppe finnfemfel eingeladen.
finnfemfel versteht sich als eine Plattform für die Zusammenarbeit der Mitglieder und eingeladener Gäste an gemeinsamen Projekten, oft über große geografische Entfernungen hinweg. Ideen werden kooperativ entwickelt, organisiert und realisiert; daher sind die Ergebnisse nicht als individueller Ausdruck zu sehen.
Die Projekte sind entweder Simulationen oder basieren auf erzählerischen Aspekten, aber sie enthalten immer groteske, fiktive, dokumentarische und humorvolle bis komische Elemente.
Unterschiede, die aus der jeweiligen künstlerischen Praxis und der geographischen Verortung der Mitglieder herrühren, bereichern als positive Faktoren die Projekte von finnfemfel.

Maja Rohwetter, 2018

 

english version

 

The announcement “Zurückbleiben!” (Stay back!) is irritating. Especially for foreigner visiting Berlin, it is incomprehensible and therefore catchy. For native speakers, the word “zurückbleiben” has a clearly negative connotation – you stay behind, others go, or you’re left behind, can not keep up, you’re superfluous, retarded?

It is very strange that you are ordered to such a passive activity, earlier live and very harsh by a supervisor, today by a neutral and sexy-sounding defused recording and with the addition “Please”.

By their own statement, the S-bahn in Berlin try to prevent the commuters “increasing willingness to take risks” at any price “to catch already departing trains.” The red flashing lights over the doors and the famous S-bahn sound-triad alone are surely not enough. Perhaps it’s not all about the facts, not about getting involved, not about the closing doors, but about being left behind as an action, an approach, a feeling?

 

This announcement give you many things to contemplate about. About social Darwinism, the failure of the big city (or the big city itself), Prussian obedience, global and local, transport conditions… The organized chaos in this announcement is part of the Berlin feeling, it provides the vital space for ambivalences that threatens to become smaller and smaller through the destructive chaos of political populism.

In Hamburg, the announcement was abolished in 2014, Berlin keeps them.
Probably because it is as ambiguous as the city itself.

 

For this show Axel Obiger has invited finnfemfel to reallise a project in our space.
finnfemfel is a joint platform for the individual and invited members for collective projects.

Ideas are developed, organised and realised through collaboration; thus the results cannot be seen as individual expressions.

The projects are either simulations or are based on aspects of narrative, but they still contain grotesque, fictive, documentary and humorous/comic elements.

Differences that result from the members’ own artistic praxis and
geographical distribution are positive factors that enrich our projects.

 

(A free translation of Maja Rohwetters text for Axel Obiger)

 

Download mit Bildern, Raumplan und Text zur Ausstellung "ZURÜCKBLEIBEN!"
Ausstellungsarchiv_1.2018_zurueckbleiben
Adobe Acrobat Dokument 2.8 MB