Der lieben Mutter ['f clksk nst]
mit Arbeiten von Roman Klonek, Kaisu Koivisto, Hinrich Kröger,
Matthias Moravek, Kristina Rutar eingeladen von Susanne Ring.


Eröffnung am Freitag, den 27. Oktober 2017 von 19 – 22 Uhr

Finissage am Samstag, den 18. November 2017 von 18 – 21 Uhr


28. Oktober 2017 – 18. November 2017

„Gibt es so etwas wie eine zeitgenössische Volkskunst?

Eines der Merkmale von Volkskunst ist, dass sie von Tradition und Überlieferung geprägt ist. Den Kern des Mythos Volkskunst bildet ein als kollektiv imaginierter Motivkatalog, dessen Formensprache von Generation zu Generation überliefert worden ist.“ 1 

Dieser Motivkatalog, vielmehr die bewusste Auseinandersetzung, Erweiterung und Bearbeitung, ist ein verbindendes Element der Künstler*innen dieser Ausstellung.

 

Der aus Polen stammende Künstler Roman Klonek zum Beispiel beschreibt seine Arbeit als bizarren Balanceakt zwischen Propaganda, Folklore und Pop. Er nennt als Einflüsse polnische, russische und tschechische Trickfilme der 1970er Jahre, aber auch aktuelle amerikanische und japanische Grafiker. Klonek verwendet die Technik des „verlorenen Schnitts“, bei dem der Druckstock nur ein Mal verwendet werden kann, eigenhändig gedruckt in Auflagen von bis zu zehn Stück.

 

Die finnische Künstlerin Kaisu Koivisto bezeichnet die Spannung zwischen Natur und Technologie als Gegenstand ihrer künstlerischen Untersuchungen. Ihre Materialien und Motive findet Sie in Ihrer nord- ischen Umgebung, dabei benutzt Sie Stahl und Leder ebenso wie Knochen, Horn oder Fotografien in Ihren Arbeiten. Deren Wurzeln sieht sie auch in der Auseinandersetzung mit Wunderkammern, Zoos, Science Fiction oder domestizierten Tieren. Dabei interessiert Sie sich vor allem für den Blick der Menschen auf ihre Umwelt, die Natur und wie diese durch die den Einfluss von Technik sich zunehmend verändert. Kaisu Koivisto zeigt mit großer Finesse in Ihren Arbeiten schöne Oberflächen, die von Ihr mit einer tieferliegenden Ebene versehen sind, die sich dem Betrachter oft erst auf den zweiten Blick erschliesst.

 

Kristina Rutar aus Slowenien geht immer wieder von der menschlichen Figur aus und versucht durch die Neuinterpretation uns bekannter Formen universelle Geschichten zu erzählen. Bei ihren keramischen Arbeiten verwandelt Sie häufig klassische Gestalten in abstrakt wirkende Strukturen die Sie immer weiter auflöst. Sie untersucht dabei die handwerkliche Techniken, Möglichkeiten der Narration im Material, historische Dimensionen und die Ebene des Privaten.

 

Der Berliner Hinrich Kröger hat nach seiner Töpferlehre, an der HdK, Kunst studiert. Er nennt seinen Galerieraum in der Gipsstraße auch „Volkskunst Berlin“, dort verbindet er klassische Themen etwa aus Sagen oder der Seefahrt mit aktuellen Motiven aus Mode, Oper und Populärkultur. Durch den besonderen Umgang mit Dekor und Dimensionen bieten uns seine Objekte fantastische Ausschnitte und Einblicke in seinen künstlerischen Kosmos.

 

Matthias Moravek untersucht in seiner Malerei die bildnerische Darstellbarkeit von Wäldern, Wolken,

Gebirgszügen, Ebenen, Dschungeln und Territorien, Landschaften im weitesten Sinn also. Wesentliche Bezugspunktesind dabei Panoramen, Dioramen oder Reiselithographien, also kulturell geprägte Wahrnehmungen von Landschaft. Dabei interessiert ihn das künstliche Bild der Natur ebenso wie dessen inhaltliche und formale Schichtung. Moravek - selbst ein Reisender - verdichtet dabei Themen wie die Entdeckung, Eroberung und Inbesitznahme von Landschaften, Regionen oder Kontinenten zu einer Malerei, die sich nie vollständig enträtseln lässt.

 

Susanne Ring ist eine Sammlerin, sie sammelt Erinnerungen, Ihre Eigenen genauso wie die Spuren von fremden Erinnerungen. In Ihren Arbeiten verknüpft Sie immer wieder Motive aus Ihrer Sammlung mit autobiographischem Material. Dabei entstehen neben einer figürlichen Umsetzung immer auch zweidimensionale malerische Bearbeitungen des intendierten Themas. Durch die Verwendung von wiedererkennbar Alltäglichem schafft Sie Assoziationsflächen für den Betrachter und eröffnet durch diesen Zugang den Dialog zwischen ihm und den Arbeiten im Raum.2 Susanne Ring beschäftigt sich mit den zwischenmenschlichen Beziehungen, Beziehungskonstellationen und deren Dialogformen.

 

„Der Lieben Mutter“ - der Titel dieser Ausstellung löst ein uns allen bekanntes Bild aus zur „Mutter aller Beziehungen“ die Verbindung zur eigenen Mutter.

 

1 aus Zeitgenössische Volkskunst? - Sibylle Ryser , 2008

2 aus „Die Dynamik der Stille“ - Jacqueline Maltzahn-Redling, 2011

Ausstellungsarchiv 11/2017 Der Lieben Mutter [‚fclkskΩnst]
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Danke für die Unterstützung der Künstlerinnen Kristina Rotar und Kaisu Koivisto durch:

 

Arbeit & Konsum
mit Arbeiten von Holger de Buhr, Juliane Duda, Katrin Hoffert, Thomas Nitz, Jens Wohlrab


Eröffnung am Freitag, den 29. September 2017 von 19 - 22 Uhr

 

Künstlergespräch am Samstag den 21.10.2017 um 18:30 Uhr, im Anschluss Finissage

 
30. September 2017 – 21. Oktober 2017

 

Mitten im Wirtschaftswunder, Ende der 50‘er Jahre, stellt Hannah Ahrend bereits fest: Arbeit und
Konsum seien zwei Seiten eines Kreislaufs, in dem das Leben schwingt, wobei das Konsumieren an
die Stelle aller relevanten Tätigkeiten getreten sei. Und Jürgen Habermas konstatiert zur selben Zeit in
seinen frühen Aufsätzen „Arbeit, Freizeit und Konsum“, der Konsum sei bereits zum Index einer ganzen
Gesellschaft aufgerückt. Er prognostiziert visionär das Wegfallen der Facharbeiterberufe durch Autom-atisierung und eine daraus resultierende gesellschaftliche Spaltung in eine kleine, hochqualifizierte
Elite und ein großes Prekariat rein konsumierender „Neobarbaren“, mit der Gefahr des Übergangs
in ein autoritäres System. Diese könne gebannt werden, wenn die von Arbeit frei gewordene Zeit
in Bildungspflege und freiwilliger Konsumaskese den breiten Schichten den Weg zur Teilnahme am
gesellschaftlichen Geschehen in aktiver Muße eröffnet.
Das sind dem Künstlerberuf immanente Daseinsalternativen, auch wenn die Konsumaskese nicht
immer ganz freiwillig stattfindet. Eine verschärfte und globale Vision dieses Szenarios liefert 1995 der
US-amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin in seinem Text „The end of work“ und folgert:
„Wir brauchen eine Reglobalisierung bei der die Bedürfnisse der Mehrheit im Vordergrund stehen. Entweder wir bekommen eine Welt mit Massenarmut und Chaos, oder eine Gesellschaft, in der sich die
von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können.“ Die zweite Aussicht hätte vermutlich
sowohl Marx, als auch Humboldt gefallen.


Die Arbeiten in der Ausstellung berühren verschiedene Aspekte des Begriffspaares Arbeit und Konsum
– explizit oder indirekt: Mit der an Leuchtwerbung erinnernden Arbeit „Volker“ von Holger de Buhr sehen wir uns einem prekär anmutenden Typen gegenüber, einem regelrechten Antimodell zur Werbe- ästhetik, der euphorisch eine aus heutiger Sicht fast nostalgische, noch nicht mit dem Internet ver- bundene Kaffeemaschine der Verpackung entrissen hat. Volker leuchtete Mitte der 90‘er Jahre tatsächlich am Bahnhof Friedrichstraße gegenüber dem Marlboro-Mann, dessen Werbeversprechen er ironisch spiegelte.


Juliane Duda baut ihre Bildwirklichkeiten mit Hilfe eines Verfahrens, das nur auf den ersten Blick einer
fotografischen Realität ähnelt. Mit ihrer hier gezeigten Arbeit führt sie uns an ein osteuropäisches
Ensemble architektonischer Rückstände: werktätige Lebenswelt im Präteritum. Eine stillgelegte Fabrik,
das vor kurzem geräumte Wohnheim der Produktionsarbeiter und ein verdunkelter, ehemaliger Supermarkt, etwas das früher Tante-Emma-Laden geheißen hätte, ostdeutsch auch Konsum, mit einem vom Strom der werktätigen Lebensmittelkäufer zertretenem Fußabstreifer: einst die Schwelle zwischen
Arbeit und Konsum, die inzwischen versiegt waren, Produzenten und Verbraucher vertrieben, bzw.
weitergezogen. Ihre Hinterlassenschaften prägen nun ästhetisch Blick und Landschaft.


Das von Katrin Hoffert aus alten Jeansstoffen genähte, überlebensgroße Portrait eines chinesischen
Denim-Arbeiters fragt nach einer fehlenden Ethik des Textil-Weltmarkts, dessen Teilnehmer wir alle
sind und der ebenso mutiert ist, wie die Jeans selbst: vom puritanischunverwüstlichen Beinkleid des
amerikanischen Landproletariats, über das freiheitsverheißende Rebellions-Textil der Jugend Mitte des
20. Jahrhunderts, zur globalen, oft bereits pseudoverschlissen hergestellten Freizeit-Plünne von heute.
Der ReUse-Ansatz der in langwieriger Patchworktechnik hergestellten Arbeit, weist dabei gleichzeitig
einen altbekannten Weg aus dem Verschwendungsdilemma: hin zur handwerklichen Selbst-ermächtigung und Deutungshoheit über die Zweckbestimmung der Dinge.

 

Thomas Nitz fotografische Unikate widersetzen sich potenzieller Massenproduktion und digitaler
Beherrschbarkeit durch einen eigentümlichen Herstellungsvorgang, der sowohl auf Malerei fußende
Arbeitsschritte, als auch das klassische Analogverfahren beinhaltet. Die hier gezeigten Arbeiten stammen aus der Werkgruppe „Kathedralen“: Was auf den ersten Blick wie aus der Frühzeit der Fotografie stammende, leicht verwackelte Außen- und Innenansichten von Sakralbauten daherkommt, entpuppt sich als die heutigen Tempel und Pilgerstätten, die wirken wie aus ihrer zukünftigen Vergangenheit betrachtet: Einkaufscenter, Bau- und Technikmärkte, wo die Konsumgläubigen in gleißendem Licht zu ständig neuen Materialisationen ihres Fetischs beteten.


In Jens Wohlrabs Bild „Bachelor“ finden wir schließlich die Einladung zum Ausstieg aus dem
Hamsterrad: aktiver Müßiggang in angenehmer, leicht-bekleideter Gesellschaft, in einem völlig von
der Realwelt losgelösten, freigeistigen Bilduniversum: mehrebenige, lose herum floatende Farbklänge,
-schlenker, -kringel und -verdichtungen, die mit seltsamen organischen Schwarz- Weiß-Gebilden
kommunizieren. Die vermeintlichen Protagonisten des Bildes rücken im Laufe der Betrachtung immer
weiter weg, wie das Paar auf der Picnick-Decke in dem Charles & Ray-Eames-Film Powers of Ten, und
alles wird relativ.


Text: Katrin Hoffert

Arbeit und Konsum Ausstellungsarchiv
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MIMESIS

 

Manuel Frolik und Thilo Droste

Eröffnung am Freitag, den 01. September 2017 von 19 - 22 Uhr

02.09.2017 – 23.09.2017

 

In der Ausstellung MIMESIS erproben die Künstler Thilo Droste und Manuel Frolik die Grenzen und Möglichkeiten der Realitätserweiterung. Authentizität, Fiktion,postfaktische Gewissheiten…?


Was sich hier materialisiert ist entliehen, zitiert, plagiiert oder schlicht geklaut, jedoch nicht ohne dem gesampelten Material die eigene Handschrift und eine künstlerische Neudeutung mit auf den Weg zu geben. Die Besucher*innen erwarten überraschende Begegnungen mit alten und neuen Bekannten:
Fast beiläufig erkennt man Manuel Frolik auf seinen Polaroids eben noch mit Andy Warhol bei einem Drink an der Bar – möglicherweise im Austausch über gemeinsame Bekannte wie Madonna, Tom Waits oder mit seiner Jugendliebe Winona Ryder – da entdeckt man ihn auch schon auf einer Plattenkamera-aufnahme aus dem 19. Jahrhundert neben Walt Whitman!


Auch Thilo Droste überschreitet in seiner Arbeit Survival Reloaded Zeit- und Raumgrenzen: Da paddelt ein Kanut von Peter Doig über den Chiemsee und man sieht, dass auch Matisse sich seine Abstraktion erst stückweise erarbeiten musste. Ganz und gar unbekannt waren einem bisher die malerischen Exkursionen eines Roman Signer oder Ai Weiwei.


Hier trifft sich prominentes Personal der Kunstgeschichte zum gemeinsamen Veitstanz und Rollenspiel und wirbelt dabei alle Kategorisierungen durcheinander – ein Medley aus Kanon, Namedropping und visuellen Ohrwürmern. Der Betrachter wird hineingezogen in den Mahlstrom der verrückten Gezeiten, man will mitschwimmen und eintauchen in dieses Meer simultaner Möglichkeiten.

Dr. Marc Entente

Mimesis Ausstellungs Pdf
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Summer | Shift

 

Enrico Niemann

Finissage am Sonntag, den 27. August 2017 von 16 - 21 Uhr

„Summer | Shift“ ist ab dem 26. Juli bis 27. August im Schaufenster der Galerie zu sehen.

26. Juli 2017 – 27. August 2017

Öffnungszeiten nach Vereinbarung (Tel. +49.177.2449114)

 

 

„Geradezu erfinderisch gestaltet sich der Produktionsprozess bei den Arbeiten von Enrico Niemann: Dünne Folienbahnen sind immer wieder übereinander geschichtet worden und schon über und über mit Acrylfarbe bedeck. Die Farbe bildet dünne Rinnsale, Schlieren und Strukturen, die teilweise getrocknet sind oder noch feucht glänzen. Die gesamte Fläche besteht aus verschiedenen Ebenen - fast wie auf einer dreidimensionalen Landkarte bilden sich immer wieder Erhöhungen und Vertiefungen. Abbau- und Aufbauprozesse bestimmen dieses Farbgefüge, in einem der Täler aus gepresster Folie steht eine Lache aus blauer Farbe.

Die Techniken, die Enrico Niemann verwendet, sind höchstens angelehnt an Verfahren wie das der Décalcomanie, das  diese amorphen Zufallsstrukturen hervorbringt. Als Surrealist hat Max Ernst diese Abklatschtechnik häufig verwendet um eigentlich unabbildbare Traumlandschaften darstellen zu können. Enrico Niemanns Technik, seine Materialien wie Acrylfarbe, Folien und Harze verankern seine Arbeiten zu sehr im Hier und Jetzt als das sie eine direkte Linie erkennen lassen würden und doch verbindet die Werke beider Künstler neben der Lust am Experiment noch etwas anderes: Das Aufbrechen des Bildraumes. Während dies in der surrealistischen Malerei oft mit einer spirituellen Erweiterung und einem langsamen Versinken einhergeht, ja die Erweiterung des Bildraumes quasi zur Bewusstseins-erweiterung wird, streben die neuen Arbeiten von Enrico Niemann viel schneller, fast explosiv, nach außen. Die Bewegungen des Produktionsprozesses, das Tröpfeln, gießen, fließen der Farbe erscheint auf der Rezeptionsebene zigfach potenziert. Durch die entstehenden Formen, die Schollen und Scherben entwickeln die Arbeiten eine eigene Materialität, eine Körperlichkeit. Scheinbare Materialfehler, Imperfektionen wie Bläschen und Risse fragmentieren unseren Blick und beleben ihn damit. Der Körper des Betrachters kommt selbst in Bewegung: Er tritt näher heran, tritt zurück, legt den Kopf schief, um die einzelnen Spiegelungen und Brechungen des Lichts genauer betrachten zu können, geht in die Knie um das Spiel mit der Oberflächenstruktur zu ergründen, wandert mit dem Blick weiter um das einzelne Bild im Zusammenspiel mit den anderen Arbeiten der Serie zu sehen. Ähnlich wie die Lichtbrechung auf benzin- und ölhaltigen Wasseroberflächen changiert die Farbwirkung und der Blick springt. Der Bildraum wird aufgesprengt, fast erscheinen Enrico Niemanns Arbeiten flüssig und fest zugleich.

Nicht nur durch ihre Präsentation mit den ungeglätteten, gegeneinander verschobenen Kanten, wirken sie daher wie Fragmente, wie rausgerissen aus einem größeren Zusammenhang. Der lateinische Ursprung des Wortes Fragment ist frangere: brechen. Diesen Bruch setzt Enrico Niemann in seinen neuen Arbeiten als Stilmittel ein. Denn die Zufallsstrukturen, die Fraktalen ähnlich sehen und oft zum näher Herantreten verleiten, deuten ein Interesse an den Prinzipien von  Ordnung und Chaos in Enrico Niemanns Werk an. So bricht der Künstler die entstandenen Formen immer wieder durch subversive Eingriffe, die da am deutlichsten sind, wo die Zufallsstrukturen auf strenge Muster, Grids oder geometrisch begrenzte Flächen treffen. Der Eingriff verdeutlicht den Zusammenfall von Ordnung und Chaos. Auch die nicht deterministisch entstandene Form fügt sich immer wieder in eine Struktur, Chaos und Ordnung sind keine Gegensätze. Die Décalcomanie, bei der die flüssige Farbe quasi gepresst wird bevor sie vom Bildträger abgenommen wird, bringt sehr oft Fraktale hervor, eine mathematische Figur, deren gleichförmige Struktur bis ins Unendliche geht.
 
Text: Jennifer Bork, Kunstverein Wolfsburg

Ausstellungsarchiv 8/2017 Summer | Shift
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Zabriskie Point


Maja Rohwetter und Peter Hock


Eröffnung am Freitag, den 23. Juni 2017 um 19 Uhr


24. Juni 2017 – 15. Juli 2017

 

Zabriskie Point
Die Explosion in der Schlusssequenz des Films Zabriskie Point von Antonioni (1970) bildet die
Hintergrundfolie für diese Ausstellung, die sich mit der Bedingtheit der Wahrnehmung auseinandersetzt.
Vor allem das zerfetzte Inventar der gesprengten Villa, das wohlkomponiert in Zeitlupe dem Betrachter entgegen schwebt, spricht eine von der Handlung losgelöste, ästhetische Sprache, die als Modell für Bildfindungen mit intendiertem Kontrollverlust dient. Die Bildelemente entstammen bei beiden Künstlern ursprünglich der Realität.


Bei Peter Hock sind es teilweise noch erkennbare, aber fragmentierte Alltagsobjekte, die in einer
speziellen Zeichentechnik mit Reißkohle auf großformatiges Papier gebracht werden.

Bei Maja Rohwetter sind es nichtintentionale Atelier-Produkte, die zunächst als analoge Collage und / oder digital bearbeitete Fotografie und Fotomontage auf den Weg gebracht werden und dann ein Eigenleben als malerisches Bildelement entwickeln.


Beide Künstler zeichnet eine wechselseitige Beeinflussung verschiedener Medien und Arbeitsweisen
aus – Fotografie, digitale Bearbeitung, malerische und zeichnerische Transformation.

So können sich bei Peter Hock neben fast erkennbaren Gegenständen Linienknäuel und fleckenartige Gebilde im Bildraum befinden. Und bei Maja Rohwetter verschwommene Farbklumpen, streifige Schlierenreste und antiseptisch glatte Flächen, die in einer dichten Zusammenstellung eine Art schwebendes Malereikonglomerat auf einem künstlichen Farbverlauf bilden. Durch die zufällige oder beiläufige Entstehung im Atelier haben die Bildgegenstände bereits einen Abstraktionsprozess durchlaufen, der sie zwar als Ding noch erkennbar sein lässt, sie zugleich aber an die Grenze zum diffusen, begrifflich nicht mehr fassbaren Objekt schiebt.


Nach der Explosion gibt es keinen Blick zurück, keine Einstellung, die Klarheit schaffen würde.
Durchaus möglich, dass alles nur eine Vorstellung ist.


Gabriele Künne

Ausstellungsarchiv 07/2017 Zabriskie Point
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Paradoxie des Haufens

Gabriele Künne und Philipp Hennevogl

Eröffnung am Freitag, den 26. Mai 2017 um 19 Uhr

27. Mai 2017 – 17. Juni 2017

Künstlergespräch am Samstag den 17. Juni um 18 Uhr,
im Anschluss Finissage

 

Paradoxie des Haufens

Aus wie vielen und welchen Elementen muss ein Haufen bestehen, um als solcher benannt zu werden, müssen die Elemente gleichartig sein oder können es Elemente unterschiedlicher Herkunft sein ? Ab wie vielen Elementen wäre es als „Nicht-Haufen“ (Wittgenstein) zu bezeichnen ?
Philipp Hennevogl und Gabriele Künne haben sich mit dem Begriff des Haufens, der vagen Bestimmung von haufenartigen Formationen auseinander gesetzt.

Philipp Hennevogl zeigt großformatige Linolschnitte, die unterschiedliche Haufen noch erkennbar werden lassen. Durch die Technik des Künstlers erfolgt jedoch eine Abstraktion, die unterschiedliche Arten von Linien und Flächen, von Positiv und Negativ mit thematisiert. Damit ist auf den Drucken einerseits das Abbild eines bestimmten realexistierenden Haufens vorhanden, der zuvor fotografisch festgehalten wurde - andererseits aber auch das Wesenhafte einer Möglichkeit eines Haufens dargestellt.


Die dreidimensionalen Arbeiten von Gabriele Künne sehen auf den ersten Blick wie eine Anhäufung oder ein Zusammenschluss abstrakter Formen aus. Die Künstlerin verwendet Keramik als bildhauerisches Material und verarbeitet es als gleichmäßig ausgerollte Fläche, die zu dreidimensionalen Objekten gefaltet, geworfen oder gestaucht wird. Die Formensprache orientiert sich dabei an dem assoziativen Potential des geometrisch-deformierten Einzelobjekts, aber auch der Zusammenstellung mehrerer ähnlicher Objekte - niemals eindeutig, aber einer bestimmten Assoziationskette folgend.

Beiden Positionen wohnen Überlegungen zur Wahrnehmung inne, zu Konstrukten und Schemata einerseits und alltäglich neuen Erfahrungen andererseits.

Ausstellungsarchiv 06/2017 Paradoxie des Haufens
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Ausscherend


Peter Dobroschke und Harriet Groß

 

Eröffnung am Freitag, den 28. April 2017 um 19 Uhr
29. April 2017 – 20. Mai 2017

 

Feinstaubschach, am Samstag, den 6. Mai von 16 bis 19 Uhr

 

 

Ausscherend

Die Ausstellung „Ausscherend“ bringt neue Arbeiten der Berliner Künstler Harriet Groß und Peter Dobroschke in einen offenen Dialog miteinander. Beide arbeiten installativ, ihre Themen und Umsetzungen sind jedoch sehr verschieden. Gemeinsam ist ihnen eine ähnliche Sensibilität für Material sowie die Vorliebe für langsame und einfache Low-Tech-Verfahren.


Ausscheren bedeutet zunächst eine etablierte Formation wie eine Linie, Gruppe oder eine vergebene Spur zu verlassen, oder auch nur vom Fahrradweg auszuscheren, um zu Axel Obiger zu gelangen. Es ist immer eine seitliche Bewegung, quer zum üblichen Momentum — also eigentlich etwas, was in diesen Zeiten wichtiger denn je sein könnte. Als Wortspiel vermag der Titel aber auch die Aufmerk-samkeit auf einen konkreten, für beide wesentlichen Arbeitsschritt zu lenken, das Schneiden.
Ein bedeutender Teil von Harriet Groß’ Arbeit sind filigrane, weit verästelte „Zeichnungen“, die sie präzise aus Papier oder Metallfolie ausschneidet. Diesem konzentrierten Prozess stehen die schnellen raumgreifenden Zeichnungen entgegen, die sie mit Tape und Schnüren direkt auf Wände, Decken und Boden aufträgt oder quer durch den Raum hängt. In den letzten Jahren entwickelt sie vermehrt Installationen aus heterogenen Materialien, die ihren gedanklichen Ausgang bei aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen nehmen. Sie verwebt ihre Metall- oder Papier Cutouts mit herkömmlichen Materialien wie Schnüren, Tape, Holzstangen, Jalousien oder Glasobjekten zu komplexen Raum- zeichnungen, die wie ihre Scherenschnitte zahlreiche Durch- und Einblicke ermöglichen. Nur in dem man sich selbst bewegt und ständig die Perspektive wechselt, lassen sich diese Installationen erfassen. Aufgrund der überbordenden Komplexität, mit der die Elemente sich je nach Blickwinkel überlagern, ineinander übergehen und so Grenzen verfließen lassen, kann man sie in ihrer Gesamtheit allerdings nie vollständig durchdringen.

Menschen begeben sich auf den Weg, verändern ihre Räume. Auf ihre Spuren hat sich Groß’ für die neuen Arbeiten in der Ausstellung „Alluvio“ und „Echo“ begeben. Sie weicht dazu von ihrer her- kömmlichen Praxis ab, geht in gewisser Weise umgekehrt vor, und erzeugt Zwischenräume nicht durch Wegschneiden, sondern sie setzt Materialien zusammen, um den Raum zwischen den Dingen zu akzentuieren. Sie konstruiert die Raumcollagen und Erinnerungsräume aus Fundstücken und Überresten ihrer Cut-outs, die mit der Zeit in ihrem Atelier angeschwemmt wurden. Reste von Spiegelfolie, das Plastiknetz einer Stuhlrückwand, Gummischnüre, die Rückseite eines Verbotsschildes, eine Schrankabdeckung, ein Glasobjekt — alles Dinge, die irgendwie übriggeblieben sind, und zum Teil auf der Straße aufgelesen wurden. Die Materialien haben nicht nur eine formal ästhetische Qualität; sie sind und bleiben in Groß’ Installationen Objekte, die ein Eigenleben haben und Assoziationen und tiefergehende Bedeutungen zu transportieren vermögen. Bei den neuen Arbeiten zieht die Künstlerin mit den Objekten Linien zwischen privaten Erinnerungen wie Gedanken und der allgegenwärtigen medialen Informations- und Bilderflut. Es sind Fragen nach Annäherung, nach Verortung, nach Ankommen und nach Durchlässigkeit, die in ihren Installationen vom Unterwegssein anklingen.


Peter Dobroschke durchschneidet häufig Papiere und Abbildungen oder stellt sie frei, um sie in seine konzeptuellen Installationen einzusetzen, die als Vexier- und Kippbilder die einfache Wahrnehmung und Lesbarkeit der Dinge verdrehen. Seine neuen Installationen und Fotoobjekte konfrontieren uns mit Wahrnehmungsirritationen, Skurrilitäten und logischen Unmöglichkeiten, die auf allgemeine, nicht auflösbare Widersprüche hindeuten und die Grenzen rationalistischen Denkens und Handelns markieren. Was ist Kunst machen und was ist das Kunstwerk; was bedeutet es sich als Künstler in der Welt zu bewegen und jeden Tag etwas Sinnhaftes zu erzeugen? Dies sind einige der einfachen und zugleich schwierigen Fragen, die seiner Arbeit zugrundeliegen.
Seine Installationen sind zumeist trockene, lakonische Umsetzungen von Ideen oder Wortspielen, die die Absurdität und Komik der Dinge freisetzt. Wie etwa die Installation „Optical Cocktail“, die ganz wörtlich und mit einfachsten Mitteln die Worte „fern“ und „Glas“ in eine verschachtelte visuelle Illusionsmaschine übersetzt und dreidimensionale Bilder eines Fernglases sowie eines weit entfernten Glases erzeugt. Bei der Videoarbeit „Drehzahl meiner Beweggründe“ korrespondiert die mühsame Herstellung der Arbeit im antiquierten Bild-für-Bild-Animationsverfahren zu den gezeigten sisyphos- haften Handlungen des Künstlers in seinem Atelier. Dobroschke hat seine nach Morgengymnastik anmutende Bewegung des in der Luft Fahrradfahrens in neun Einzelbildern aufgezeichnet. Die Fotos wurden in die Speichen eines Fahrrades montiert, das Fahrrad bei einer Kreisfahrt im Atelierhof erneut abfotografiert und diese Fotografien schließlich zu einem Film animiert. Im Film wechselt der Künstler zwischen Antreibendem und Getriebenen, verbleibt bei all der angestrengten Bewegung aber in einem geschlossenen Kreislauf.
Die Frage nach dem halbvollen bzw. -leeren Glas ist so banal wie tiefgründig. Für „Realistenlimo“ hat Dobroschke die Fotografie eines halbgefüllten Glases genau entlang des Wasserspiegels eingeschnitten. Zwei, durch den Schnitt in entgegengesetzter Richtung eingeschobene Strohhalme verschränken abgebildetes und reales Objekt inhaltlich miteinander, was in unserem Kopf ein konstantes Springen zwischen den beiden Wahrnehmungsmöglichkeiten erzeugt. Das einfache wie taktile Kippbild führt eindrücklich vor, dass es unmöglich ist zu einer eindeutigen Wahrnehmung zu kommen. Angesichts dieser Unklarheit erscheint jegliches Streben, eine klare Haltung zur Welt zu entwickeln, so irrwitzig und tragisch.

Claudia Sorhage

Ausstellungsarchiv: Ausscherend 05.2017
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Simultanübersetzung


Josina von der Linden und Barbara Müller

 

Eröffnung am Freitag, den 31. März 2017 um 19 Uhr
01. April 2017 – 22. April 2017

 

Klara Li, Gesang und experimentelle Wassergläsermusik
am Samstag, den 8. April 2017 um 19:30 Uhr

 

 

Simultanübersetzung

Die Faszination des Simultanübersetzens liegt in der bewundernswerten Fähigkeit von Dolmetschern, gleichzeitig, zu hören und zu sprechen und mit einer nur geringfügigen Zeitverschiebung, den Inhalt des Gesagten von einer in eine andere Sprache zu übertragen.

Mit der Ausstellung „Simultanübersetzung“ sind Josina von der Linden und Barbara Müller das Wagnis des künstlerischen Dialogs eingegangen und begegnen sich dabei in ihren jeweiligen Ausdrucksweisen. Das Prinzip der künstlerischen Übertragung wird in der Ausstellung mehrfach variiert. Gleichzeitig werden Fragen nach unserer Individualität aufgeworfen. Wo finden wir uns wieder und wo sind wir Teil einer ästhetischen „Formengemeinschaft“? Welche Kompromisse gehen wir ein?

In den Arbeiten Barbara Müllers findet oftmals das Doppeln, Zerlegen und Rekonstruieren Anwendung. So auch beispielsweise in ihren aktuellen Wandarbeiten „skinn“ die, mit der Farbgebung des Inkarnats, bei Josina von der Linden Assoziationen von Haut und Berührung hervorriefen und diese zu den narrativen Arbeiten „Die Schleife“ und „Kragenweite“ inspirierten.

„Ein Hemd aufzutrennen ist ein mühsames Unterfangen, das Gewebe schnell verletzbar. Man muß sehr vorsichtig sein und bekommt Respekt vor der Konstruktion. Einerseits gleicht es nun einem normierten Bausatz, streng mit Bügelfalte auf ein Format zusammenlegbar, gleichzeitig ist es auch auf vielfältige Weise verflochten mit dem Thema Berührung, Schutz und Verletzlichkeit. Ich kam auf den Gedanken, die sonst nach außen gekehrte Fläche ähnlich einer Haut zu kennzeichnen.  Das Stoffmuster sollte nur noch am Saum sichtbar sein, der Fläche, welche sonst den Körper berührt.“
Barbara Müller

„Die zerlegten Kleidungsstücke in Barbara Müllers Arbeiten „skinn“ erinnerten mich an Fundstücke aus dem Nachlaß meiner Eltern: Schrankfertige, noch mit den Banderolen der Wäscherei versehene, weiße, inzwischen vergilbte Hemden meines Vater mit steifen Kragen und eine kleine hautfarbene Schleife, mit der ich als Kind spielte, abgetrennt von einem BH meiner Mutter. Natürlich schwingt beim Betrachten solcher Gegenstände Nostalgie mit, aber über die persönlichen Berührung hinaus, interessieren mich weitere Informationsebenen dieser Dinge, wie z.B. der Zeitgeist der in Kleidungscodes steckt und das tradierte Rollenverständnis der Generation meiner Eltern.“
Josina von der Linden

In der gemeinsamen Videoarbeit „simple stuff “ #1, #2  (2017) inszenieren Josina von der Linden und Barbara Müller eine gewöhnliche Tätigkeit im Nebeneinander. Das Equipment, bestehend aus den Einzelteilen eines seriellen Industrieprodukts, einem Kleiderständer, läßt in seiner Ästhetik entfernt an die Kunstbewegung De Stijl oder auch an Kinderspielzeug erinnern. Das Video zeigt die Dauer eines Aufbaus und eines Abbaus in Echtzeit. Die, durch den Bauplan vorgeschriebenen Handlungsabläufe, werden dabei von den Künstlerinnen simultan ausgeführt. Interessanterweise zeigt sich in der Ausführung trotz der vermeintlich gleichen Vorgabe eine erstaunliche Individualität.

 

Ausstellungsarchiv: März 2017, Simultanübersetzung
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„Critical Mass“

 

Alke Brinkmann und Sencer Vardarman

 

Eröffnung am Freitag, den 03. März 2017 um 19 Uhr


04. März 2017 – 25. März 2017


Künstlergespräch am Samstag den 25. März um 19 Uhr,
im Anschluss Finissage


Öffnungszeiten: Donnerstag – Samstag, 14 – 19 Uhr
und nach Vereinbarung (Tel. +49.30.76 23 63 76)

 

 

Der Höhenflug des Populismus mit Trump, Erdogan, Le Pen und (oder dank?) Putin bewegt uns alle: Weil wir uns vom Faszinosum des Simplifizierens, von der Märchenwelt dieser Kulturvereinfacher verführen lassen; oder weil wir uns jetzt doch endlich für den steinigen Weg der Verteidigung von Freiheit, Pluralität und Anstand mobilisieren lassen. Für die einen wie die anderen gilt, dass sich bislang einzementierte Maßstäbe verschieben und damit Perspektiven der Weltsicht. Was ist Realität in Zeiten von Fake News?
Was Gewissheit, was Verunsicherung?


Auch der Kunst nötigt sich die Politik als Thema auf. Und Alke Brinkmann, die sich schon seit Jahren mit dem Verhältnis von Macht und Mensch beschäftigt und dazu teils biographisch, teils aus der medialen Bilderwelt inspirierte Werke geschaffen hat, findet in Sencer Vardaman einen ebenso überraschenden wie offensichtlichen Seelenverwandten, den sie folgerichtig zu dieser gemeinsamen Ausstellung eingeladen hat.


Beide, Brinkmann und Vardarman, interessiert die Wirkung von Bildern aus dem politischen Raum, beide arbeiten mit dem Verhältnis von Motiv und Inhalt.
Beide – ein Zufall? – haben sich dabei irgendwann dem vielleicht ultimativen Ikon des menschlichen Selbstzerstörungsdrangs angenommen: Vardaman spielt in „Moonlight“ mit einer postmodernen Verkitschung des Atompilzes über dem Bikini-Atoll, Brinkmann lässt mit weißer Schicht für weißer Schicht die Verwüstung von Hiroshima verblassen und definiert sie damit neu. Von beiden müssen wir als Betrachter uns fragen lassen, wie wir es zulassen konnten, dass der schlicht unfassbare Schrecken der Wasserstoffbombe zum ästhetischen Signet verkommen konnte. Wollen wir es eigentlich gar nicht mehr so genau wissen? Wollen wir nicht mehr so
genau hingucken?


Alke Brinkmann und Sencer Vardarman fragen uns weiter. Wie ertragen wir die stille Ästhetik der „Falling Men“, wenn die Geschichte dazu eigentlich offensichtlich sein muss und erdrückend? Wie denken wir uns in die „Patterns of Mankind“ ein Miteinanderliegen und –lieben hinein, wo doch naheliegt, dass diese Muster menschliche Abgründe zeigen? Wohin, fragen wir schließlich fast ängstlich, ist die Energie der Massen in „Night Watch“ gerichtet? Und ahnen schon – das wird nicht gut.


Weder Vardarman noch Brinkmann geben uns Antworten, sondern überlassen uns der Verunsicherung. Das Politische ist zurück. Keiner kann entrinnen.


Tom Levine

Ausstellunggsarchiv: "Critical Mass" März 2017
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Portrait des Galeristen

mit Arbeiten von

Thomas Behling, Frank Diersch, Thorsten Futh, Katrin Hoffert, Nikola Irmer, Thierry Perriard, Oliver Möst, Christoph Roßner, Hans-Peter Stark, Andreas Trogisch und Edgar Zippel

 

Eröffnung am Freitag, den den 03. Februar 2017 um 19 Uhr

 

04. Februar 2017 – 25. Februar 2017

Öffnungszeiten: Donnerstag – Samstag, 14 – 19 Uhr
und nach Vereinbarung (tel. +49.30.76 23 63 76)

 

 

Ein Portrait bildet ab. Wenn nicht das Äußere einer Person, dann doch ihr Wesen. Es ist untrennbar mit der Vorstellung von Identität verknüpft. Seine Entstehung ist ein Akt der Kommunikation zwischen zwei Individuen.

Die Portraits in dieser Ausstellung nehmen auf unterschiedliche Art kritisch Stellung zu dieser Vorstellung. Sie verweigern die Aussage oder sie zeigen jemand, der offenbar kein Individuum ist oder dem Autor als solches nicht bekannt, thematisieren das Inszenierte der Kommunikation oder den Willen zur Selbstdarstellung im Porträt.

Die Rolle des Galeristen als Vermittler zwischen Künstler und Realität ist zweifelhaft. Als ein von Künstlern betriebenes Projekt entmythisiert Axel Obiger den Galeristen wie den Künstler gleichermaßen. Im Rahmen der Reihe von Ausstellungen, die das Konstrukt Axel Obiger und damit die Mechanismen des Kunstmarktes thematisieren, zeigt diese Ausstellung Portraits des Galeristen, Portraits einer Fiktion.

Axel Obiger - die fiktive Figur des Galeristen- ist die Projektionsfläche für das, was wir von einem Galeristen erwarten, fürchten und wünschen: Abgedrehtheit, Selbstliebe, Erfolg, Authentizität, Korruption, Biografie, eigene Kreativität, Geschäftssinn, Genius, Hybris, Humor, Zweifel, Ernsthaftigkeit und Kunstverstand, Eigenschaften, wie sie in den ausgestellten Portraits aufscheint.

Maja Rohwetter

 
"Gallerist"
by Emily A. Greco

Will you go and how will I let you? Honorable occupation, make a home of me for the moment.

Too little has been said of the solitude, the bond in swimming the unity of silence. We stand, we lean, we hang by fixtures unseen, dangling by a puncture at the intersection of two planes. One gesture, a wall, two, a nail, and the calculated force I have delivered to love you.

Command me, an unwavering commitment in allowing them to know you, permission to mingle with the passive, the scrutinizing. You, born of grace, touched by the politic of the now, in your power, civilize me.

Choreograph my movements modest, give form to my name and body to my absence, in exchange I give you to the world.
Who am I, and when? To my fate, I am servant to your fate, to live one million lives in the memory of another, to dance eternal

Portrait_des_Galeristen_2.2017 Ausstellungsarchiv
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Boden
mit Arbeiten von Roland Boden, Thilo Droste, Pauline Kraneis,
Josina von der Linden, Enrico Niemann, Hansjörg Schneider, Tim Stapel


Eröffnung am Freitag, den 13. Januar 2017 um 19 Uhr


14. Januar 2017 – 28. Januar 2017

Der „White Cube“ gilt allgemein als Synonym für den idealen Ausstellungsraum mit neutral weißen Wänden, um Kunst unter den bestmöglich Bedingungen zu präsentieren. Im Falle des Projektraums „Axel Obiger“ gibt es zwar weiße Wände und eine ausgewogene Beleuchtung aber keinen neutralen Boden. Der graue Fliesenboden bestimmt mit seinem quadratischen Rastersystem optisch den Ausstellungsraum.

 

Wiederkehrende meist kontroverse Diskussionen innerhalb der Axel Obiger - Künstlergruppe zum ungeliebten Fußboden forderten deshalb eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema „Boden“ geradezu heraus.

 

Die Komplexität des Themas zeigt sich in zahlreichen Redewendungen. Wir können auf sicherem oder schwankendem Boden stehen. Wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren, haben wir meist verloren, aber möglicherweise wollen wir auch manchmal bewusst den Boden der Tatsachen verlassen. Mit Bodenpreisen und Bodenspekulationen werden horrende Gewinne erzielt und die Welt territorial aufgeteilt. Die Bodenbearbeitung, der Ackerbau, bedingt die existentielle Grundlage der Nahrungs-produktion. Die Ausstellung zeigt einen prägnanten Ausschnitt der überaus vielfältigen künstlerischen Produktion zum Thema.


Josina von der Linden

 

Ausstellungsarchiv 1/2017 Boden
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