Arbeit & Konsum
mit Arbeiten von Holger de Buhr, Juliane Duda, Katrin Hoffert, Thomas Nitz, Jens Wohlrab


Eröffnung am Freitag, den 29. September 2017 von 19 - 22 Uhr


30. September 2017 – 21. Oktober 2017

Mitten im Wirtschaftswunder, Ende der 50'er Jahre, stellt Hannah Ahrend bereits fest: Arbeit und Konsum seien zwei Seiten eines Kreislaufs, in dem das Leben schwingt, wobei das Konsumieren an die Stelle aller relevanten Tätigkeiten getreten sei. Und Jürgen Habermas konstatiert zur selben Zeit in seinen frühen Aufsätzen Arbeit, Freizeit und Konsum der Konsum sei bereits zum Index einer ganzen Gesellschaft aufgerückt. Er prognostiziert visionär das Wegfallen der Facharbeiterberufe durch Auto- matisierung und eine daraus resultierende gesellschaftliche Spaltung in eine kleine, hochqualifizierte Elite und ein großes Prekariat rein konsumierender "Neobarbaren", mit der Gefahr des Übergangs in ein autoritäres System. Diese könne gebannt werden, wenn die von Arbeit frei gewordene Zeit in Bildungspflege und freiwilliger Konsumaskese den breiten Schichten den Weg zur Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen in aktiver Muße eröffnet.


Das sind dem Künstlerberuf immanente Daseinsalternativen, auch wenn die Konsumaskese nicht immer ganz freiwillig stattfindet. Eine verschärfte und globale Vision dieses Szenarios liefert 1995 der US-amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin in seinem Text The end of work und folgert: "Wir brauchen eine Reglobalisierung bei der die Bedürfnisse der Mehrheit im Vordergrund stehen.
Entweder wir bekommen eine Welt mit Massenarmut und Chaos, oder eine Gesellschaft, in der sich die von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können." Die zweite Aussicht hätte vermutlich sowohl Marx, als auch Humboldt gefallen.


Die Arbeiten in der Ausstellung berühren verschiedene Aspekte des Begriffspaares Arbeit und
Konsum – explizit oder indirekt:

Mit der an Leuchtwerbung erinnernden Arbeit Volker von Holger de Buhr sehen wir uns einem
prekär anmutenden Typen gegenüber, einem regelrechten Antimodell zur Werbeästhetik, der
euphorisch eine aus heutiger Sicht fast nostalgische, noch nicht mit dem Internet verbundene
Kaffeemaschine der Verpackung entrissen hat. Volker leuchtete Mitte der 90'er tatsächlich am
Bahnhof Friedrichstraße gegenüber dem Marlboro-Mann, dessen Werbeversprechen er ironisch spiegelte.


Juliane Duda baut ihre Bildwirklichkeiten mit Hilfe eines Verfahrens, das nur auf den ersten Blick einer fotografischen Realität ähnelt. Mit ihrer hier gezeigten Arbeit führt sie uns an ein osteuropäisches Ensemble architektonischer Rückstände: werktätige Lebenswelt im Präteritum. Eine stillgelegte Fabrik, das vor kurzem geräumte Wohnheim der Produktionsarbeiter und ein verdunkelter, ehemaliger Supermarkt, etwas das früher Tante- Emma-laden geheißen hätte, ostdeutsch auch Konsum, mit einem vom Strom der werktätigen Lebensmittelkäufer zertretenem Fußabstreifer: einst die Schwelle zwischen Arbeit und Konsum, die inzwischen versiegt waren, Produzenten und Verbraucher vertrieben, bzw. weitergezogen. Ihre Hinterlassenschaften prägen nun ästhetisch Blick und Landschaft.

 

Das von Katrin Hoffert aus alten Jeansstoffen genähte, überlebensgroße Portrait eines chinesischen Denim-Arbeiters fragt nach einer fehlenden Ethik des Textil-Weltmarkts, dessen Teilnehmer wir alle sind und der ebenso mutiert ist, wie die Jeans selbst: vom puritanischunverwüstlichen Beinkleid des amerikanischen Landproletariats, über das freiheitsverheißende Rebellions-Textil der Jugend Mitte des 20. Jahrhunderts, zur globalen, oft bereits pseudoverschlissen hergestellten Freizeit-Plünne von heute. Der ReUse-Ansatz der in langwieriger Patchworktechnik hergestellten Arbeit, weist dabei gleichzeitig einen altbekannten Weg aus dem Verschwendungsdilemma: hin zur handwerklichen Selbstermächtigung und Deutungshoheit über die Zweckbestimmung der Dinge.


Thomas Nitz fotografische Unikate widersetzen sich potenzieller Massenproduktion und digitaler Beherrschbarkeit durch einen eigentümlichen Herstellungsvorgang, der sowohl auf Malerei fußende Arbeitsschritte, als auch das klassische Analogverfahren beinhaltet. Die hier gezeigten Arbeiten stammen aus der Werkgruppe Kathedralen: Was auf den ersten Blick wie aus der Frühzeit der Fotografie stammende, leicht verwackelte Außen- und Innenansichten von Sakralbauten daherkommt, entpuppt sich als die heutigen Tempel und Pilgerstätten, die wirken wie aus ihrer zukünftigen Vergangenheit betrachtet: Einkaufscenter, Bau- und Technikmärkte, wo die Konsumgläubigen in gleißendem Licht zu ständig neuen Materialisationen ihres Fetischs beteten.


In Jens Wohlrabs Bild Bachelor finden wir schließlich die Einladung zum Ausstieg aus dem
Hamsterrad: aktiver Müßiggang in angenehmer, leicht-bekleideter Gesellschaft, in einem völlig von der Realwelt losgelösten, freigeistigen Bilduniversum: mehrebenige, lose herum floatende Farbklänge, -schlenker, -kringel und -verdichtungen, die mit seltsamen organischen Schwarz- Weiß-Gebilden kommunizieren. Die vermeintlichen Protagonisten des Bildes rücken im Laufe der Betrachtung immer weiter weg, wie das Paar auf der Picnic-Decke in dem Charles&Ray-Eames-Film Powers of Ten, und alles wird relativ.


Text: Katrin Hoffert