Abbildung: "ContactFace 8", Acrylfarbe, Dispersionskleber, Papier, 70 x 110 x 10 cm, 2017

 

Summer | Shift

 

Enrico Niemann

Finissage am Sonntag, den 27. August 2017 von 16 - 21 Uhr

„Summer | Shift“ ist ab dem 26. Juli bis 27. August im Schaufenster der Galerie zu sehen.

26. Juli 2017 – 27. August 2017

Öffnungszeiten nach Vereinbarung (Tel. +49.177.2449114)

„Geradezu erfinderisch gestaltet sich der Produktionsprozess bei den Arbeiten von Enrico Niemann: Dünne Folienbahnen sind immer wieder übereinander geschichtet worden und schon über und über mit Acrylfarbe bedeck. Die Farbe bildet dünne Rinnsale, Schlieren und Strukturen, die teilweise getrocknet sind oder noch feucht glänzen. Die gesamte Fläche besteht aus verschiedenen Ebenen - fast wie auf einer dreidimensionalen Landkarte bilden sich immer wieder Erhöhungen und Vertiefungen. Abbau- und Aufbauprozesse bestimmen dieses Farbgefüge, in einem der Täler aus gepresster Folie steht eine Lache aus blauer Farbe.

Die Techniken, die Enrico Niemann verwendet, sind höchstens angelehnt an Verfahren wie das der Décalcomanie, das  diese amorphen Zufallsstrukturen hervorbringt. Als Surrealist hat Max Ernst diese Abklatschtechnik häufig verwendet um eigentlich unabbildbare Traumlandschaften darstellen zu können. Enrico Niemanns Technik, seine Materialien wie Acrylfarbe, Folien und Harze verankern seine Arbeiten zu sehr im Hier und Jetzt als das sie eine direkte Linie erkennen lassen würden und doch verbindet die Werke beider Künstler neben der Lust am Experiment noch etwas anderes: Das Aufbrechen des Bildraumes. Während dies in der surrealistischen Malerei oft mit einer spirituellen Erweiterung und einem langsamen Versinken einhergeht, ja die Erweiterung des Bildraumes quasi zur Bewusstseinserweiterung wird, streben die neuen Arbeiten von Enrico Niemann viel schneller, fast explosiv, nach außen. Die Bewegungen des Produktionsprozesses, das Tröpfeln, gießen, fließen der Farbe erscheint auf der Rezeptionsebene zigfach potenziert. Durch die entstehenden Formen, die Schollen und Scherben entwickeln die Arbeiten eine eigene Materialität, eine Körperlichkeit. Scheinbare Materialfehler, Imperfektionen wie Bläschen und Risse fragmentieren unseren Blick und beleben ihn damit. Der Körper des Betrachters kommt selbst in Bewegung: Er tritt näher heran, tritt zurück, legt den Kopf schief, um die einzelnen Spiegelungen und Brechungen des Lichts genauer betrachten zu können, geht in die Knie um das Spiel mit der Oberflächenstruktur zu ergründen, wandert mit dem Blick weiter um das einzelne Bild im Zusammenspiel mit den anderen Arbeiten der Serie zu sehen. Ähnlich wie die Lichtbrechung auf benzin- und ölhaltigen Wasseroberflächen changiert die Farbwirkung und der Blick springt. Der Bildraum wird aufgesprengt, fast erscheinen Enrico Niemanns Arbeiten flüssig und fest zugleich.

Nicht nur durch ihre Präsentation mit den ungeglätteten, gegeneinander verschobenen Kanten, wirken sie daher wie Fragmente, wie rausgerissen aus einem größeren Zusammenhang. Der lateinische Ursprung des Wortes Fragment ist frangere: brechen. Diesen Bruch setzt Enrico Niemann in seinen neuen Arbeiten als Stilmittel ein. Denn die Zufallsstrukturen, die Fraktalen ähnlich sehen und oft zum näher Herantreten verleiten, deuten ein Interesse an den Prinzipien von  Ordnung und Chaos in Enrico Niemanns Werk an. So bricht der Künstler die entstandenen Formen immer wieder durch subversive Eingriffe, die da am deutlichsten sind, wo die Zufallsstrukturen auf strenge Muster, Grids oder geometrisch begrenzte Flächen treffen. Der Eingriff verdeutlicht den Zusammenfall von Ordnung und Chaos. Auch die nicht deterministisch entstandene Form fügt sich immer wieder in eine Struktur, Chaos und Ordnung sind keine Gegensätze. Die Décalcomanie, bei der die flüssige Farbe quasi gepresst wird bevor sie vom Bildträger abgenommen wird, bringt sehr oft Fraktale hervor, eine mathematische Figur, deren gleichförmige Struktur bis ins Unendliche geht. „
 
Text: Jennifer Bork, Kunstverein Wolfsburg