Thilo Droste, Survival Reloaded /// ab 2017 Öl, Tusche & Kohle auf Leinwand, Holz & Papier, Ausstellungsansicht Haus am Kleistpark, 2018 (Foto: G. Haug), Detail „Droste, Lichtenstein auf F. Little John“, 61 x 45 cm
Thilo Droste, Survival Reloaded /// ab 2017 Öl, Tusche & Kohle auf Leinwand, Holz & Papier, Ausstellungsansicht Haus am Kleistpark, 2018 (Foto: G. Haug), Detail „Droste, Lichtenstein auf F. Little John“, 61 x 45 cm

 

Blind Date mit Porträtzeichner 

Interview mit Thilo Droste - Miriam Bers für Axel Obiger  

 

Miriam Bers: Maybe he became ill and couldn’t leave the studio  - wie geht es Dir, Thilo? Wie viel Zeit verbringst Du in Deinem Atelier und was inspiriert Dich? 

 

Thilo Droste: Das Zitat aus Lichtenstein´s Bild vermutet ja, dass der Künstler im Atelier erkrankt sein könnte und deshalb seinen Arbeitsplatz nicht verlassen kann. Gut für die Kunstgeschichte.

In meinem Fall verhält sich die Grenze zwischen Privat- und Arbeitsraum fluider und genauso (ähnlich) benimmt sich meiner Erfahrung auch die Inspiration. Sie 

hat keine Bürozeiten oder festen Wohnsitz. Ich hoffe also auf glückliche Umstände, ihr hier oder dort zu begegnen.

 

M.B. Roy Lichtenstein, Matisse, Ai Weiweis Stinkefinger: seit 2017 arbeitest Du an der Serie ‚Survival Reloaded’, die zugleich auch eine Sammlung darstellt. Historische Landschaften, Stillleben, Porträts unterschiedlicher Epochen,  in die Du - ich zitiere Dich hier - „Elemente der Kunstgeschichte und zeitgenössische künstlerische Arbeiten hineinschmuggelst“. Was fasziniert Dich am meisten am Dialog mit der Geschichte der Kunst - hinterfragst Du Ikonen? 

 

T.D. Die Serie resultiert auf einer, über die Jahre gewachsenen, Sammlung von Malereien, die ich in teils erbarmungswürdigem Zustand auf Flohmärkten gerettet habe und die sehr unterschiedlicher künstlerischer Qualität sind. Dennoch empfand ich es als fast übergriffig diese Bilder weiter zu malen und habe versucht mit Respekt vor der Arbeit der Kolleg*innen vorzugehen. So ist ein wesentlicher, langwieriger und zugleich unsichtbarer Teil der Arbeit daran, die quasi doppelte Bildfindungsphase: die reale Sammlung der Flohmarktfunde wird mit meinem inneren Archiv an ikonischen Versatzstücken oder zeitgenössischen Arbeiten, die ich schätze, abgeglichen und nach Matches gesucht. So findet dann ein Motiv von Peter Doig auf dem Königssee Platz, oder trifft eine Gänsemagd auf Goyas Koloss. High trifft Low und diskutieren bei ihrer Zusammenkunft über Wertschöpfung und -bildung und ihre Daseinsberechtigung innerhalb der Kunst. 

 

Ich arrangiere als Moderator diese Treffen zwischen kanonischen Ikonen und Flohmarktmotiven und setze sie der gegenseitigen Befragung aus. Wer dabei die stärkeren Argumente hat, mögen die Betrachter*innen entscheiden. So hörte ich beispielweise schon, dass jenes ein schönes Bild sei, wäre das Monster nicht mit drauf- da haben dann entweder ich oder Goya etwas falsch gemacht.

 

Zuletzt bleibt auch die Frage, ob diese Arbeiten irgendwann wiederum auf dem Flohmarkt landen werden.

 

Thilo Droste, Goya auf Unleserlich, Öl auf Leinwand, 70x100cm
Thilo Droste, Goya auf Unleserlich, Öl auf Leinwand, 70x100cm

 

M.B. Auch das die Kunst umspannende Umfeld fließt in Dein Werk ein. Aus entwendeten Vernissagen-Gläsern entstehen fotografische und skulpturale Galerieporträts. Gibt es spezifische Kriterien für die jeweiligen Arbeiten? 

 

T.D. Ich verstehe die Glasobjekte nicht als profane Galerieportraits. Hier geht es viel spiritueller zur Sache! Die gestohlenen Gläser der Global Player unter den Galerien besitzen natürlich Fetisch- und Reliquiencharakter – zumal ich aus ihnen getrunken habe. Doch es erfolgt ja deren Dekonstruktion mit anschließender Neukomposition, die nicht weniger als die Schaffung des Heiligen Grals zum Ziel hat. Vielleicht auch mehrerer. 

 

Thilo Droste, Tafelrunde/Gral /// 2019, Gläser und C-Prints,                                          Ausstellungsansicht Galerie im Saalbau, 2019 (Foto: H.Moser), Detail: Glasobjekt
Thilo Droste, Tafelrunde/Gral /// 2019, Gläser und C-Prints, Ausstellungsansicht Galerie im Saalbau, 2019 (Foto: H.Moser), Detail: Glasobjekt

 

M.B. Deine Porträts sind subversiv, eine Art Vexierbilder. Ich denke hier beispielsweise an Dein (Selbst)Porträt mit Hasskappe oder auf Spiegel gravierte Augenpaare aus Selbstbildnissen bedeutender Künstler, die Du auf diese Weise anonymisierst. Augenscheinlich spielt dieses Genre in seinem weitesten Sinne eine wichtige Rolle in Deinem Werk - oder geht es vielmehr um das Sehen an sich? 

 

T.D. Bei „Blind date with a portraitist“ lasse ich mich auf touristischen Plätzen von Portraitzeichnern mit Sturmhaube zeichnen. Interessant dabei finde ich dem Akt des Portraitierens fast sämtliche essentiellen Grundlagen zu entziehen und dennoch den ganzen Prozess des Portraitsitzens, des Schaffens eines Erinnerungsstückes das auf Erkennbarkeit beruht, zu durchlaufen. Auch Themen wie „Selfiekultur“ oder –vor der aktuellen Diskussion um Maskenpflicht– „Vermummungsverbot“ und die Eigen- und Fremdwahrnehmung, insbesondere als Künstler, spielen hier eine Rolle.

Bei den Spiegelarbeiten „Vier-Augen-Prinzip“, die du ansprichst, stehen die Betrachter*innen selbst noch mehr im Fokus. Sie begegnen dem direkten Blick aus den Selbstportraits, sehen die Augen der Künstler*innen, wie diese sich selbst sahen oder sehen wollten und reflektieren gleichzeitig den eigenen Blick. Es kommt zu einer Überlagerung und Ergänzung von Malerei und (spiegelverkehrter) Realität, bei der das eigene Gesicht wortwörtlich mit den Augen v. Goghs, Kahlos oder Bacons gesehen werden kann. Eine Maskerade des Sehens, wenn man so will.

 

Thilo Droste, Blind date with a portraitist - Phantomportrait /// seit 2015, Zeichnungen und Fotografien
Thilo Droste, Blind date with a portraitist - Phantomportrait /// seit 2015, Zeichnungen und Fotografien
Thilo Droste, Vier-Augen-Prinzip /// 2019, Lasergravur auf Spiegel, je 50x40cm, Ausstellungsansicht Galerie im Saalbau, 2019 (Foto: H.Moser)
Thilo Droste, Vier-Augen-Prinzip /// 2019, Lasergravur auf Spiegel, je 50x40cm, Ausstellungsansicht Galerie im Saalbau, 2019 (Foto: H.Moser)

 

M.B. Siehst Du Dich in der Tradition der Aktionskünstler? Immer wieder intervenierst Du mit ‚Aktionen’ im öffentlichen an der Schnittstelle zum privaten Raum und hinterfragst dabei Normen und Moralbegriffe etwa mit an Kunstjurymitglieder versandten Blumensträußen im Rahmen einer Bewerbung für ein Stipendium. Vermisst Du Humor in unserer Gesellschaft? 

 

T.D. Was Bezüge zur Aktionskunst angeht suche ich nicht gezielt die Bühne der Öffentlichkeit. Ich vermeide in der Regel auch gerne selbstverletzendes Verhalten. Vor solchen Aktionen findet stets ein langes innerliches Abwägen statt, ob ich bereit bin, meine Person so zu exponieren. Entscheidend ist letztlich, ob ich die künstlerische Arbeit für wert erachte, mich dem auszusetzen. Dann mache ich mich auch bereitwillig zum Narren. Die Arbeit ist wichtiger als mögliche blöde Konsequenzen, wie zum Beispiel bei angesprochener das Risiko das Stipendium möglicherweise genau deshalb nicht zu erhalten.

Andererseits ist es bei solchen Arbeiten auch immer wieder faszinierend mit vermeintlich kunstfernen Berufsgruppen wie Pförtnern, Bundeswehrangehörigen, Mitarbeitern der Berliner Stadtreinigung, Reproduktionsmedizinern oder der Mahnstelle der Bibliotheken über die Kunst ins Gespräch zu kommen und dabei meistens einer erfrischenden Offenheit zu begegnen. 

Da begegnet mir dann vielleicht auch Humor in einer unerkannten, abwegigen Form, den der Kunstdiskurs oft missen lässt.   

 

Thilo Droste, Blumen Arrangement /// 2015, Blumen an die Mitglieder einer Kunstjury per Post versandt
Thilo Droste, Blumen Arrangement /// 2015, Blumen an die Mitglieder einer Kunstjury per Post versandt