Oliver Möst führt dem Betrachter mit einer „radikal subjektiven“ Kunst immer wieder vor Augen, das selbst die alltäglichsten Dinge aus einer anderen Perspektive neue Qualitäten bekommen.

Diesen Ansatz verfolgt er auch bei seiner konzeptuellen Serie „Clackastigmat 6.0“, in der populäre Motive wie Aktbilder, Blumenstillleben oder Strandszenen für den Betrachter verfremdet werden, indem der Fotolinse das 6.0 Dioptrien starke Brillenglas des Fotografen vorgesetzt wird. Was nun entsteht,

sind komplett unscharfe Aufnahmen, die es ermöglichen, die Welt so wahrzunehmen, wie es der „Astigmatiker“ Möst ohne Brille tun würde. Vor allem aber schafft er auf diese Weise Kunstwerke von traumhafter luzider Ästhetik.

 

Oliver Möst reizt die physikalischen und technischen Möglichkeiten seiner stets analogen Kameras aus. Er modifiziert sie mit einem Brillenglas oder nutzt eine umgebaute Lochkamera für seine Videoarbeiten.

 

Fragen nach der visuellen Wahrnehmung bewegen Oliver Möst wie kein anderes Thema, wie sich auch in seinen PinholeVideos zeigt. In „Totensonntag“ gelingt es ihm, dem Betrachter ein bekanntes „Bild“ so vor Augen zu führen, dass er es nur schwerlich erkennt – den letzten Rest der Abrissruine des Palasts der Republik, aufgenommen im Gegenlicht, am Totensonntag, bevor er schließlich am nächsten Tag komplett eingeebnet wurde. „Brown Eyes“ visualisiert die Auseinandersetzung mit dem Thema Sehen noch deutlicher: hier spielt der Künstler scheinbar mit seinen eigenen Augen.

 

Verena Dollenmaier

 

 

 

PinholeVideo

 

„Bilder, die scharf sind, haben die Unschärfe überwunden. Sie ignorieren die Erfahrungen, die in der Unschärfe möglich sind.“ Oliver Mösts 2007 entstandene Videoarbeiten stellen die Fortsetzung seiner fotografischen Arbeiten dar. Sie zeichnen sich auf den ersten Blick durch eine auffallende Unschärfe aus, die sowohl in den Fotografien als auch in den Videos das leitende ästhetische Prinzip des Künstlers darstellen. Unschärfe-Techniken führen uns den Kern des Wahrnehmungsprozesses vor Augen. Oliver Mösts eigener Wahrnehmungsprozess ist durchgehendes Thema seiner Arbeiten: Er leidet an einem „Sehfehler“, seine Brille muss links 2,5 und rechts 6,0 Dioptrien ausgleichen. Seine fotografischen und filmischen Arbeiten machen den subjektiven Blick des Fotografen in Form eines „Das–hat-er-dort-auf-diese-Weisegesehen-und-wahrgenommen“ erfahrbarund verdeutlichen darüber hinaus seine Eigenwahrnehmung sowie die Erfahrung des ihn umgebenden Raumes (between, hide & seek, brown eyes). Ein weiteres Thema, durch das sich Mösts Videoarbeiten besonders auszeichnen, ist die Reflexion der Fotografie und ihrer medienimmanenten Eigenschaften in der filmisch- fotografischen Auseinandersetzung. Entstanden aus der Idee, zwei fotografische Techniken miteinander zu verbinden, bedient er sich zum einen einer linsenfreien Lochkamera, einer camera obscura, der Grundform aller fotografischen Kameras. Diese Technik kombiniert er mit digitaler Videotechnik, indem er mit einer Videokamera das sich auf der Mattscheibe der Lochkamera abzeichnende Bild abfilmt und aufzeichnet. Durch die Auseinandersetzung mit der „alten“ Lochkameratechnik einerseits und modernster digitaler Videotechnik andererseits entstehen „Lochvideos“ (pinhole videos), wie Möst seine Arbeiten nennt. Sie spiegeln die technische Entwicklung der Fotografie von einer einfachen Lochkamera zur digitalen, technisch ausgereiften Videokamera wider und reflektieren somit auch die grundlegenden, über die Jahre erweiterten Eigenschaften des Mediums Fotografie.

Text von Kathrin Kohle, aus ”Mutations II, moving Stills“ Katalog 2008, 
European Month of Photography

 

Oliver Möst Website 

 

Oliver Möst Portfolio
AO_Oliver_Möst_Portfolio_2016.pdf
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