... Die Konstruktivisten behaupten, dass die Menschen die Erfinder ihrer Wirklichkeit sind.

Andererseits steht ihnen und uns klar vor Augen, dass wir nicht alle Realitäten erfinden können. Oft genug tritt etwas Reales in Erscheinung, was augenscheinlich nicht konstruiert wurde – z.B. Naturkatastrophen, ungeahnte Folgen von Experimenten und Techniken, allgemein Unvorher-gesehenes, das wir nicht die Macht hatten zu konstruieren und das zumeist erst nachträglich in symbolische Formen gebracht wird, um es in etwas zukünftig Vorhersehbares zu verwandeln.

 

Ernst von Glasersfeld unterscheidet die von Menschen konstruierte Realität von einer ontischen Realität, um diesen Unterschied zu markieren (1). Friedrich Wallner nennt die unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existierende Welt Realität im Unterschied zur konstruierten Wirklichkeit (2). Kersten Reich unterscheidet Realität und Wirklichkeit, die für ihn stets Konstruktionen des Menschen sind, vom Realen, das unabhängig auf uns wirkt. (3)

 

Juliane Duda ist keine Realistin und sie arbeitet nicht an naturalistischen Abbildungen.

Was sie mit der Videokamera aufgenommen hat, transponiert sie in den virtuellen Raum.

So entstehen Konstruktionen, die etwas Märchenhaftes haben. Die Künstlerin vollzieht eine eigene Leistung im Prozess der Erzeugung von Wirklichkeit. Und natürlich schließt diese Praxis Erkenntniskritik ein.

 

Ihre Raumverkleidungen oder Raumkonstruktionen beziehen sich auf eine unsichtbare Struktur von Wirklichkeit, deren Muster wir uns über Sozialisation und Erziehung angeeignet haben. Natur tritt insofern als etwas auf, das ins Psychologische abstrahiert wurde und vielleicht das Seelische zu berühren vermag. Juliane Dudas Zuschreibungen verdoppeln quasi die Wirklich-

keit. Die außerhalb unseres Bewusstseins pulsierende Welt tarnt sich in den Bildkompositionen von Duda als wahr, weil sie so tut, als ob sie mit den Tatsachen in der wirklichen Welt über- einstimmen würde. Dabei ist sie lediglich Teil der künstlerischen Idee und Bildaussage.

 

Beobachterrelativ entwickelt die Künstlerin konfrontative Situationen für den menschlichen Körper in einer Umgebung, die sich zwischen einer an-sich-seienden Welt und einer von ihr konstruierten befindet. Aus diesem In-Between leben sämtliche Werke von Juliane Duda und entwickeln beträchtliche Wirkfelder.

 

Schlussendlich ist es aber nicht mehr wesentlich festzustellen, wo in einem Bild die gefundene Wirklichkeit endet und die digital erarbeitete beginnt. Für Juliane Duda ist es das Bild an sich, dem sie auf der Spur ist, und das sie nicht auf einen einzigen Punkt zu bringen versucht, sondern dem sie diverse Oberflächen zugesteht, die ein eigenes, neues Raumgitter repräsen-tieren, eine arrangierte Realität, die aus dem Prozess digitaler Bilderzeugung lebt und ihn reflektiert.

 

Ihre Bilder sind Ich-Aneignungen von Räumen. Durch sie schafft sich die Künstlerin ihre Bilder der Welt. Dabei beharrt sie nicht auf „einem letzten Wort“. Diverse Orte und Tatsachen überlagern sich, ebenso Deutungen und Projektionen. Im Zuge einer kulturellen Rekonstruktion-sleistung, die gleichzeitig eine konstruktive Bilderarbeitung und ein emotionales Statement ist, entstehen Tableaus des Verwunschenen. ....

 

Auszug aus dem Text "Arrangierte Realität" von Christoph Tannert entnommen dem Katalog
„So viel du tragen kannst (Auch ein Märchenmotiv)“