Das Leben in seiner vielgestaltigen Komplexität einzufangen ist das große Thema von Josina von der Lindens Kunst. In ihren Fotografien, Collagen, Objekten sowie in ihren situativen, raumbezogenen, oft temporären Installationen erforscht sie Zusammenhänge unserer, sich so heterogen darstellenden, Wirklichkeiten und Wahrnehmungen. 


Dabei sucht sie nach den sinnhaften Bezügen, die Dinge in der Welt haben. Und findet Bilder für Phänomene, die sich gemeinhin der visuellen Darstellung entziehen wie Zeit, Veränderung, Erinnerung, raum-körperliche und immer wieder auch existentielle Erfahrungen vom ‚Geworfensein’ in die Welt, wie Heidegger es in seiner Ontologie „Sein und Zeit“ nannte. 


So formuliert Josina von der Linden zum Beispiel mit einer fast raumfüllend aus Zeitungspapier, Schilfrohr und Kabelbindern gebauten Reuse eine vielschichtige Metapher für den Fluss des Lebens: Es gibt einen Sog und einen Verlauf in eine Richtung, zum Ende hin. Der Weg kann sich spiralig gestalten oder linear, aber immer gibt es Entscheidungsmomente, Krisen oder Wendepunkte, die den weiteren Verlauf irreversibel bestimmen.

Damit wird diese Arbeit von 2015, „point of no return“, auch zu einem Sinnbild für das künstlerische Schaffen, bei dem es im Wesentlichen, wandernd auf dem Grat zwischen Scheitern und Gelingen, um Festlegungen geht.


Und darum, einen Eindruck festzuhalten. Diese älteste Sehnsucht der Menschen, das Jetzt zu konservieren, das immer auch etwas hilflose Unterfangen, Momente aus dem Lauf der Zeit herauszulösen, indem man sie in Stein meißelt, auf Papier druckt, auf Tonträger und andere Speichermedien bannt – diesem Verlangen begegnet Josina von der Linden, indem sie ihren Arbeiten Aspekte von Zeitlichkeit und Vergänglichkeit meist schon als Subtext einschreibt. Implizit tut sie dies über die Wahl ihrer Materialien wie z.B. Papier, Reisig, Wachs, Eis, s/w-Fotografien und Diaprojektoren. Explizite Formulierungen dafür findet sie in ihren raumbezogenen Installationen, die, für einen Ort entwickelt, nur in diesem funktionieren und nach ihrem Abbau lediglich in Dokumentationen fortleben. Ganz lakonisch schwingt in ihren Arbeiten das Wissen um die Endlichkeit allen Seins stets mit.


In subtilen Kompositionen und mit einer großen Achtsamkeit gegenüber dem, was besonders auch alltägliche Dinge erzählen, fügt sie den üblichen Lesarten der von ihr aufgegriffenen Materialien, Situationen und Fragestellungen ihren persönlichen künstlerischen Blick hinzu. Indem sie Zeit zeigt, Licht fotografiert, Strukturen und Beziehungen zu Rhythmen choreographiert, hält sie philosophischen Festschreibungsversuchen einen Moment des Widerstandes entgegen – mit einer augenzwinkernden Bejahung des Lebens, wie es ist.


© Silke Feldhoff 2015 


Josina von der Linden Portfolio
AO_Josina_von_der_Linden_2016.pdf
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